Bonus: Im Netz Der Tracker
Staffel 1 Folge 7

Bonus: Im Netz Der Tracker

Warum du online immer wieder die gleiche Werbung siehst? Die Antwort lautet: Online-Tracking! Welche Tracker es gibt und was Tracking für unsere Gesellschaft bedeutet? Jetzt die Bonus-Folge von aweb zum Jahresende hören! Weiteres Material zur Sendung

Weiteres Material zur Sendung

Hast du schon mal was Peinliches online gekauft oder gesucht und wurdest dann von entsprechender Werbung verfolgt? Das hast du Online-Trackern zu “verdanken”. Sie sind überall und folgen dir auf Schritt und Tritt durch’s Web. Aber kaum jemand weiß wirklich, was Tracker eigentlich sind und wofür sie eingesetzt werden. In der Bonus-Folge von aweb gehen wir der Sache auf den Grund. Wir sprechen mit Linus Neumann vom Chaos Computer Club und haben Schlecky Silberstein, Priska Pi und Olga Rabo gebeten, ihre alltäglichen Internet-Reisen in Tracking-Tagebüchern zu protokollieren. Dabei decken wir auf, wieso derart umfassende, zentrale Datensammlungen eine weitergehende Aushöhlung der Privatsphäre zur Folge haben können und was das für unsere freie Gesellschaft bedeuten kann.

Unsere Gäste

Linus Neumann ist Whitehat-Hacker, Netzaktivist und einer der Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC).

Schlecky Silberstein ist Blogger, Buchautor, Social Comedian, Dokumentarfilmer und zweiter Vorstand der Gesellschaft für digitale Ethik, die es sich zum Ziel gesetzt hat, nicht mehr tatenlos zuzusehen, wie der Datenkapitalismus klammheimlich unsere Gedanken kapert und uns die Freiheit raubt.

Priska Pi ist Instagrammerin und setzt sich für mehr Realität in den sozialen Medien ein.

Olga Rabo ist eine strategische Marketingspezialistin mit jahrelanger Erfahrung im Bereich Social Media und Content Marketing für B2B SaaS-Unternehmen. Sie ist auch Bloggerin, ein Improveschauspielerin, ein Influencerin, Reisende, ein Standup-Liebhaberin. Ihr könnt ihr hier folgen @therussianabroad.

Mehr über Tracking

Du willst noch mehr über Tracking wissen? Check unseren Blog! Wir verraten dir, wer dich durch’s Web verfolgen will. Hier geht’s lang.

Die Tracking Diaries

Hier findest du das ausführliche Tracking Tagebuch von Schlecky Silberstein. Spoiler: Ist ziemlich witzig! Weitere Tracking-Tagebücher werden folgen und du findest sie dann auch hier.

Hilfreiche Tools

Erstmal: Hol dir den neuesten Firefox mit verbessertem Tracking-Schutz und Privatsphäre-Bericht, damit du immer siehst, wo und wie viele Tracker mit dir im Web unterwegs sind.

Und dann: Mit dem Facebook-Container machst du es Facebook schwerer, dich durch’s Netz zu verfolgen.

Transkript

[Intro-Jingle]

Anja: Hi nochmal. Ich bin Anja.

Alice: Und ich bin Alice. Ihr hört aweb, den Podcast von Firefox, der unabhängige Browser der gemeinnützigen Stiftung Mozilla.. Jaaaaaaa uns gibt es noch! Wir sind nur nicht so laut wie so manch andere Techis. Wir brauchen halt nicht brüllen, wir machen einfach. Zum Beispiel Privatsphäre.

Anja: Ihr werdet gesehen. Wir übrigens auch. Wir alle werden beobachtet, jeden Tag, zu jeder Zeit. Unsere Beobachter kommen aus dem Internet – aber wer diesen Podcast bisher fleißig verfolgt hat, weiß ja inzwischen: Eine Grenze zwischen online und offline gibt es längst nicht mehr. Und deshalb wollen wir heute über Tracking reden.

Alice: Tracking, das ist der Versuch, dich und deine Bewegungen im Netz möglichst umfassend zu erfassen. Und eben darin werden die Tracker auch immer besser. Das heißt jetzt natürlich nicht, dass irgendwo jemand vor seinem Computerbildschirm hockt und dich spezifisch beobachtet. Ist auch gar nicht nötig.

Ein Tracker ist, grob gesagt, ein kleines Computerprogramm, das dokumentiert, wie du dich auf einer Website verhältst. Der Tracker beobachtet zum Beispiel, was du anklickst, wohin du scrollst, wie lange du auf einer Seite bleibst, aber, und das ist noch viel creepier, auch welche Seite du danach aufrufst, was du da machst, was du magst, wen du magst und viel mehr.. Gerade die Werbeindustrie profitiert davon ungeheuerlich. Wie warum und wieso hörst du gleich!

Nicht alle Tracker sind problematisch. Auch sogenannte Cookies, die sich z.B. deine Login-Daten auf einer bestimmten Seite für dich merken, sind per Definition Tracker. Die werden aber in der Regel von den Webseiten-Betreibern selbst platziert, um dir die Nutzung der Seite zu erleichtern. Viele Tracker kommen aber auch von anderen Unternehmen und Webseiten, mit denen du noch nie was zu tun hattest - sogenannte Drittanbieter-Tracker. Und spätestens da wird’s ziemlich schnell ziemlich creepy.

[SFX: Wecker klingeln, dann: Soundkulisse „Aufstehen“]

Anja: Wir können uns da so vorstellen: Sagen wir, du greifst morgens, nachdem du den Wecker zum Schweigen gebracht hast, erstmal nach deinem Laptop. Du checkst deine Mails, kriegst vielleicht schon ein paar aktuelle Verkehrsmeldungen angezeigt. Und dann, während du den ersten Kaffee des Tages trinkst, surfst du über die Nachrichtenseiten.

Wo holst du dir denn deine Infos so? Beim SPIEGEL? Bei der FAZ? Oder bist du vielleicht taz-Leser? Informierst du dich zuerst über die geopolitische Lage? Oder willst du eigentlich nur wissen, welches Skandälchen jetzt schon wieder das britische Königshaus erschüttert?

Man sollte meinen, das alles wäre allein dein Ding. Welche Webseite du besuchst und was du da tust und lässt, das ist ja eigentlich ‘ne Sache zwischen dir und dem Betreiber der Webseite. Eigentlich. Tatsächlich sind aber auf den allermeisten Seiten Drittanbieter-Tracker aktiv, die jeden deiner Klicks protokollieren.

Wie das abläuft, darüber haben wir mit Linus Neumann gesprochen. Er ist IT-Sicherheitsberater, White Hat Hacker und Mitglied im Chaos Computer Club.

Linus Neumann: Tracker versuchen nun, auf unterschiedlichen Wegen herauszufinden, wann ich welche Seite besucht habe. Das tun sie primär dadurch, dass quasi Inhalte von deren Servern in anderen Webseiten eingebunden werden. Wo das sehr auffällig ist, ist zum Beispiel Werbung. Diese Werbung kommt in der Regel nicht von, sagen wir mal, der Nachrichtenseite, die ich gerade besuche, sondern sie wird vom Server eines Werbenetzwerkes ausgespielt […] und wird quasi eingebunden in die Webseite, die ich besuche.

Und dieser Werbeserver protokolliert jetzt quasi: Aha, hier kam diese IP-Adresse mit diesem Browser vorbei und hat sich diese Werbung angeschaut – und hat sich diesen Inhalt angeschaut.

Sagen wir mal: Eine Boulevard-Nachrichtenseite[…]. Da könnte der Tracker jetzt entsprechende Schlüsse auf mein Bildungsniveau ableiten. Oder […] eine Webseite mit bestimmten, sagen wir mal, erotischen Inhalten […] – da können […] noch bestimmte erotische Präferenzen abgeleitet werden. Und so können diese Werbenetzwerke dann relativ schnell, weil sie in sehr vielen Seiten eingebunden sind, erkennen wie sich Menschen so im Internet bewegen.

Anderes gutes Beispiel sind diese Like-Buttons von Facebook, wo also Facebook versucht, seine Nutzerinnen […] auf anderen Webseiten trotzdem zu erfassen. Also, ich bin […] bei Facebook eingeloggt und ich verlasse die Facebook-Seite, würde jetzt eigentlich erwarten, das Facebook mich nicht mehr protokolliert oder verfolgt – aber wenn ich dann jetzt auf einer anderen Seite bin und da sind wieder Inhalte von Facebook eingebunden, dann kann Facebook erkennen, ah, kuck’ mal hier, der Linus, der interessiert sich für, was weiß ich, den Krieg in Syrien.

Neben den großen Unternehmen, die wir so kennen, die ohnehin alles versuchen von uns zu erfassen, also primär Facebook und Google, gibt’s dann natürlich noch andere Unternehmen, hauptsächlich so Werbenetzwerke, deren Geschäftsmodell eben darin besteht, möglichst viel über mich zu wissen und dieses Wissen anderen anzubieten.

Anja: Na? Hast du auch schon ‘ne Gänsehaut?

Alice: Keine Zeit. Ich überleg’ mir gerade, was ich in den letzten Tagen so alles im Netz gesucht und angeklickt habe – und wer das jetzt wohl weiß.

Ey, Geheimtipp mal unter uns: Holt euch den Facebook Container, Link in den Shownotes. Das ist ein Add-On, also ne Browser-Erweiterung in Firefox, die dafür sorgt dass Facebook genau das eben nicht mehr so einfach kann: euch außerhalb der eigenen Plattform zu verfolgen.

Anja: Ja, die Vorstellung auf Schritt und Tritt verfolgt werden, die ist auf jeden Fall mega creepy. Aber, und das macht das Ganze eigentlich noch krasser: Tracking ist eigentlich nichts Neues. Getrackt wird schon seit den frühesten Tagen des Internets. Allerdings nicht in dem Ausmaß wie wir das heute sehen. Und wir haben’s damals nicht gesehen. Und genau das muss sich ändern. Deswegen macht die neueste Version des Firefox-Browser die unsichtbaren Tracker, die uns durch Web verfolgen, jetzt erstmals sichtbar – und blockiert sie.

Wir haben jetzt ein paar Internet-Bewohner gebeten, den neuen Tracking-Schutz mal für uns auszuprobieren. Ihre Erfahrungen haben sie in kleinen Tracking Diaries festgehalten, die wir euch auch in den Shownotes verlinken.

Zu unseren Versuchskaninchen gehört auch Schlecky Silberstein, Autor, Blogger und Darsteller beim Bohemian Browser Ballett. Für ihn gab es beim Probefahren des neuen Firefox eine ziemlich böse Überraschung.

Schlecky Silberstein: Ich hatte ja im ganzen Jahr 2017 recherchiert für ein Buch, das sich nennt, „Das Internet muss weg“, und um so ein Buch zu schreiben, muss man sich natürlich sehr intensiv auseinandersetzen auch mit der Funktionsweise von Tracking, also ich wusste schon sehr, sehr viel.

Es gab eigentlich eher positive Überraschungen: Also, so unterschiedliche Medien, denen ich unterstellt habe, dass sie für Geld ihre Eltern verkaufen, hatten relativ wenige Tracker auf der Seite. […] Bei Porno-Plattformen – hab’ ich natürlich auch seriös gecheckt – war das sehr, sehr sauber.

Ich war total geschockt, als ich eben meine eigene Seite, schleckysilberstein.com, analysiert habe, weil da massiv viele Tracker unterwegs waren. Das war kein einfacher Moment, weil ich ja normalerweise auch jemand bin, der sagt: Leute, bewusst tracken und wissen, wer was von euch wissen will. Und ich hab’ eben festgestellt, […] ich war auf dem Auge total blind […].

Und das liegt daran, dass die Seite 2010 aufgesetzt wurde, ich mit diversen Werbepartnern in der ganzen Zeit zusammen gearbeitet hab’, aber in der ganzen Zeit nie meine ganzen Tracker mal aufgeräumt hab’. Das heißt, da sind auch wahnsinnig viele Karteileichen drin von irgendwelchen Tracking Services, die es eigentlich gar nicht mehr gibt, beziehungsweise, mit denen ich gar nicht mehr zusammenarbeite. Und das, das war mir sehr peinlich.

Das ist ‘ne Sache, man richtet das einmal ein, und dein Werbepartner sagt dir: Alles klar, das ist jetzt alles up and running, und ab jetzt wird Geld verdient – aber wie das Ganze funktioniert, und […] an wen genau eben die ganzen Daten jetzt im Endeffekt gehen, das weiß ich nicht, und das weiß keiner. Und allein dafür haben mir diese Tracking-Diaries schon so’ bisschen die Augen geöffnet.

Anja: Tatsächlich ist so, dass die meisten von uns nicht von einem oder zwei Trackern durchs Netz verfolgt werden, sondern von fünf, elf, hundert. Für jeden Tracking-Dienst, der vom Markt verschwindet, tauchen gefühlt zwei neue auf. Und alle wollen nur unser Bestes: Unsere Daten.

Alice: Diese Erfahrung hat auch Olga Rabo gemacht. Als Reisebloggerin ist sie nicht nur in der physischen Welt viel unterwegs, sondern auch in der digitalen. Welche Spuren sie dort so hinterlässt, war ihr allerdings nicht klar, als sie mit ihrem Tracking Diary startete.

Olga Rabo: Es ist schon ziemlich verrückt und definitiv creepy, wenn du begreifst, was für einen digitalen Fußabdruck du hinterlässt, ohne es zu merken. Du weißt ja nicht mal, wie diese Daten gegen dich benutzt werden – wahrscheinlich in Form von Werbung. Alles, was ich weiß ist: Ich werde getrackt.

Ich versuche immer im Blick zu haben, wie viel Zeit ich im Internet verbringe. Ich protokolliere die Zeit, die ich vor einem Screen verbringe. Manchmal mache ich auch einen digitalen Detox und kopple mich von allem ab. Ich will nicht ohne Ende nutzloses Zeug googeln. Wir wissen alle, wie schnell das geht.

Ich versuche mich um meine digitale Gesundheit zu kümmern, aber anscheinend ist das nicht genug. Ich werde immer noch überall getrackt – das ist unheimlich.

Ich hoffe, dass mehr Leute das in Zukunft merken und die Möglichkeit nutzen, sich zu schützen. Wir reden hier über unsere eigene, digitale Verantwortung. Die können wir nicht abgeben.

Alice: Okay, Olga ist sicher ‘ne spannende Frau – trotzdem stellt sich die Frage: Was wollen diese Tracking-Unternehmen eigentlich mit den gesammelten Daten? Was interessiert es irgendein Werbeunternehmen, in welcher Ecke des Internets ich so rumhänge? Was bringt denen das? Auch dazu haben wir Linus Neumann befragt.

Linus Neumann: Eine klassische Anekdote ist ja, dass Menschen vermuten, dass ihr Handy sie abhört, weil sie über irgendetwas nur gesprochen haben und plötzlich online Werbung dafür sehen. Bisher gibt es eigentlich keine glaubwürdigen Hinweise, dass das tatsächlich passieren würde. Vielmehr zeigt sich da, wie viel Auskunft und wie viel Einblick diese zusammen getrackten Daten ermöglichen.

Wenn wir jetzt also davon ausgehen, dass so’n Tracker einfach mal […] 95 Prozent deines Online-Verhaltens kennt – der weiß nicht nur, um wie viel Uhr du welche Seiten aufrufst, der weiß auch mit welcher Regelmäßigkeit. Der weiß, was du dort eingibst, und der weiß, was du dort besuchst und wie lange du auf verschiedenen Seiten bleibst. Das heißt, die Daten akkumulieren sich sehr schnell in eine Menge […], die wir kaum noch überblicken können.

Wenn ich jetzt mal über’n paar Jahre eine Person kategorisiere, dann weiß ich irgendwann sehr viel über ihre Interessen.

Anja: Zu den Personen, die über Jahre kategorisiert wurden, gehört auch Priska Pi. Sie ist Instagrammerin und setzt sich für mehr Realität in den sozialen Medien ein. Auch deshalb achtet sie sehr darauf, wie viel sie in den sozialen Medien von sich preis gibt. Dass ihre Online-Aktivitäten getrackt werden, war ihr irgendwie schon klar – das Ausmaß aber nicht.

Priska: Also, dass es sowas wie zielgerichtete Werbung gibt, das wusste ich schon, logisch. Das siehst du ja auch, wenn du so im Netz unterwegs bist. Da hatte ich ehrlich gesagt jetzt auch nie das große Problem mit. Da find’ ich irgendwelche Spam-Bots und Fake-Accounts auf Instagram echt viel nerviger. Mit Werbung, die extra für mich gedacht wird, kann ich ja vielleicht wenigstens noch was anfangen, wenn der Algorithmus dann mal echt was Vernünftiges ausspuckt.

Aber dass da so viele Firmen ihre Finger mit drin haben, das wusste ich nicht. Und die sind ja wirklich fast überall am Start. Ich glaube, ich hab’ nicht eine Seite gehabt, wo nicht wenigstens ein, zwei Tracker unterwegs waren. Und: Ich kenn’ diese Firmen ja nicht mal! Wer da hinter steckt – keine Ahnung. Ich meine, das könnte man dann bestimmt rausfinden, jetzt, wo man die Tracker sehen kann, aber trotzdem: Wie krass ist das denn bitte? Da gibt es tausend Firmen, die wahrscheinlich schon alles mögliche von mir wissen, und ich weiß über die – nichts!

Alice: Moment, Moment, Time-Out! Das ist nicht nur creepy, das ist doch auch bestimmt illegal! Oder? … Oder?!

Anja: Sollte man meinen, was? Spätestens mit der Datenschutzgrundverordnung wurde ja nochmal festgestellt, dass meine Daten mir gehören. Wie kann es also sein, dass zig Unternehmen ohne mein Wissen endlose Datenmengen über mich sammeln? Linus Neumann sagt: Die Tracker nutzen ein Schlupfloch im System.

Linus Neumann: Laut Datenschutzrecht darf kein Unternehmen meine Daten speichern, Profile über mich bilden, diese Daten vorhalten, ohne dass ich das Recht habe, dass Unternehmen zur Löschung zu zwingen, über die gespeicherten Daten Auskunft zu erlangen und ohne, dass ich überhaupt dem Unternehmen dafür eine Erlaubnis erteilt habe.

Den Trick, den diese Tracker primär nutzen, ist, dass sie sagen: Das sind keine personenbezogenen Daten, weil wir ja nicht genau wissen, wer du bist. Und tatsächlich sind sie vielleicht auch nicht in der Lage zu sagen, wie ich heiße, oder was mein genaues Geburtsdatum ist, oder wo ich genau wohne – die wissen nur alles andere von mir, und mein Name ist denen letztendlich sogar egal. Dadurch kommen sie auf ein Datensammlungs-Niveau, das sehr viel intimer ist, als irgend jemand vermuten würde, entziehen sich aber irgendwie dem Geiste des Schutzes meiner Informationen […].

Alice: Okay. Cool. Weißt du was, Anja? Ich geb’ auf! Was soll’s? Wenn diese Tracking-Firmen alles über mich wissen, dann krieg’ ich vielleicht wenigstens interessante Werbung angezeigt. Ich hab’ ja nichts zu verbergen. Sollen halt die Tracker wissen, dass ich mir gern „Sailor Moon“ im japanischen Original angucke und sonntags 14 Stunden die Nyan Cat in Dauerschleife. Bitteschön, viel Spaß mit dieser weltbewegenden Info! Wo ist das Problem?

Das könnte man jetzt ja durchaus fragen, wenn einem das Thema einfach zu viel wird.

Anja: Ja, da hast du wohl Recht. „Mir egal, ich hab’ nichts zu verbergen“ – das hört Linus auch oft. Und er hat mittlerweile eine klare Antwort parat:

Linus Neumann: Da vermute ich so ein bisschen, dass das Ausmaß des Problems und das Ausmaß der Datenerfassung unterschätzt wird. Es geht ja nicht nur darum, dass diese Unternehmen das spezifisch mit mir machen, sondern dass sie das mit dem ganzen Internet machen.

Und die zielgruppengerechte Werbung und die Prognosekraft dieser Daten ermöglicht es dann eben, auch einzelne Personengruppen unterschiedlich anzusprechen. […] Solange das im Werbebereich, also für Produkte passiert, haben wir damit nicht so’n großes Problem wie wenn das politisch passiert. […] Wir erinnern uns zum Beispiel an den Cambridge-Analytica-Skandal, wo also über Facebook gesammeltes Wissen über Menschen verwendet wurde, um politische Werbung zu machen. Um beispielsweise zu sagen, […] wir spielen an potentielle Wählerinnen Hillary Clinton folgende Werbung aus, die ihnen ‘nen schlechten Eindruck von Hillary Clinton macht, damit sie die nicht wählen.

Und so […] wird eine Massenmanipulation ermöglicht, die wir als Zivilgesellschaft auch nicht mehr erfassen oder kontrollieren können, weil wir es nicht mehr sehen. In dieser alten Welt, wo irgendwo Plakate hingen, konnte ich durch Ostberlin fahren und mir anschauen, was die NPD da hinhängt. In der heutigen Welt ist es möglich für bestimmte Zielgruppen Werbung zu machen, die andere Zielgruppen überhaupt nicht sehen.

Da können dann unterschiedliche Bevölkerungsschichten in nahezu unterschiedliche Realitäten, Parallelrealitäten gezerrt werden, ganz unterschiedliche Wahrnehmungen politischer Sachverhalte entwickeln und so von einigen wenigen, sehr datenmächtigen Unternehmen […] sehr stark gelenkt und, ja, auch manipuliert werden.

Anja: Die Datenmacht der Unternehmen kann allerdings nicht nur der Manipulation dienen – die zusammengetragenen Daten können auch herangezogen werden, um uns zu analysieren, zu bewerten. In der Wirtschaft werden solche Konzepte auch bereits diskutiert.

Alice: In der Realität könnte das dann so aussehen: Du willst einen Kredit? Dann geh’ lieber nicht zu ausgiebig feiern und halt’ dich ein bisschen zurück beim Online-Shopping. Und ja, gönn’ dir ruhig den fetten Burger – aber heul’ dann nicht rum, wenn dir die Versicherung irgendwann die Beiträge erhöht wegen deinem ungesunden Lebensstil.

Linus meint: Die Frage ist nicht, ob das passiert, sondern wann.

Linus Neumann: Mit solchen Datensammlungen, die eben einfach eine so ungeheure Macht haben, wird einfach Missbrauch stattfinden.

Das ist eine weitergehende Aushöhlung der Privatsphäre und auch eine Bewegung in eine immer weniger freie Gesellschaft.

Ob ich nun sonntags morgens lange feiere oder freitags früh schlafen gehe, und welche Webseiten ich mir im Internet anschaue, sind eben Teile der persönlichen Lebensführung […].

Das zentral zu sammeln ist immer falsch, egal, ob das aus politischem Interesse oder – eigentlich noch schlimmer – aus rein finanziellem Interesse geschieht. […]

Alice: Menschen zentral zu erfassen, sie zu kategorisieren und zu bewerten – das ist immer falsch, sagt Linus. Wir stimmen ihm da zu. Deswegen ist es unser Anliegen bei Firefox, den Trackern ihren Job so schwer wie möglich zu machen. Aber ist dieser Kampf eigentlich noch zu gewinnen?

Linus Neumann: Das Verhindern von Tracking ist so alt wie das Tracking selber, und das ist ein fortwährendes Web – „Webrüsten“, haha! Wettrüsten, sorry.

Wenn eine Maßnahme implementiert wird, um Tracking zu verhindern, dann finden die Tracker wieder Wege drum herum.

Teilweise ist dann Tracking auch wirklich nicht verhinderbar. Wenn ich beispielsweise eine Google-Suche mache, dann gibt Google mir die zehn Ergebnisse, und eigentlich würde Google jetzt nicht wissen, welche Seite ich als nächstes besuche, welchen Link ich klicke. Sie haben aber mehrere Mechanismen, die sie anwenden, um diese Information […] zu sich zurück zu bekommen. Und diese Mechanismen sind so mit der Funktionalität verbunden, dass sie kaum noch auszubauen sind. Das heißt, wir werden immer mehr […], neuere, klügere Methoden bauen müssen, um das Tracking zu verhindern, und die Tracker werden immer neue, klügere Mechanismen entwickeln, um uns irgendwie doch zu tracken.

Es ist ein Kampf, der so alt ist wie das Web, und der wird auch weiter geführt werden. […] Ob wir das mit verschiedenen Browser-Plugins tun, die einige wenige Menschen nutzen, oder ob die Browser wirklich auch für alle Nutzerinnen und Nutzer diesen Schutz übernehmen, das macht ‘nen großen Unterschied, und das stimmt mich erstmal hoffnungsvoll!

Anja: Okay,Technologie entwickelt sich immer weiter und das Tracking an sich wird nicht mehr zu killen sein. Aber: Wenn wir uns als Gesellschaft des Problems bewusst sind; wenn mehr und mehr Leute aktiv Tracker blockieren, dann kriegen diese Drittanbieter-Tracker, und irgendwann auch die Werbe- und Datenindustrie echt Probleme. Wir haben es in der Hand.

Womit man surft ist heute eben nicht nur Frage des Geschmacks, der Gewohnheit oder Bequemlichkeit. Mag komisch klingen, aber schon die Broswer-Wahl kann ein Statement sein. Das konnte man schon gut sehen, als wir Firefox 70 mit verbessertem Tracking-Schutz gelauncht haben. Das gabs dann direkt Schlagzeilen wie: German publishers wrestle with Firefox’s latest anti-tracking changes. Was wir tun, wird wahrgenommen. Was du tust, auch.

Alice: Wenn du rausfinden willst, wie ausgiebig du selbst im Netz beobachtet wirst, dann installier’ dir am besten einfach den neuesten Firefox Browser und tu’ es unseren Testern gleich. Der neue Tracking-Schutz ist standardmäßig aktiviert. Natürlich kannst du ihn in den Einstellungen auch jederzeit auf deine Bedürfnisse anpassen.

Anja: Vielleicht interessieren dich ja auch die Tracking Diaries unser Tester. Die verlinken wir dir natürlich auch nochmal in den Shownotes. Wir wünschen dir viel Erfolg beim Ausprobieren der neuen Möglichkeiten und sagen bis zum nächsten Mal:

Anja/Alice: Habt eine schöne Zeit!

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